Theorie und Wäscheständer
Glosse von Manfred Ebeling

Aus dem Zyklus „Meine Frau und ich“


Meine Frau ist eher praktisch veranlagt.
Wir sitzen beim Essen. Meine Frau und ich. Plötzlich ein sonderbares Geräusch. Ich verabscheue sonderbare Geräusche. Schon von Berufs wegen.
Ich versuche mit meiner Frau ein Gespräch aufzunehmen über alle in Frage kommenden Ursachen des Geräusches. Auf diesem Wege möchte ich, durch Ausschluß aller unwahrscheinlichen, die wahrscheinlichste Ursache ermitteln. Ohne aufzustehen.
Meine Frau geht da andere Wege. Sie antwortet nichts, steht auf und geht auf den Balkon. Der Wäscheständer ist umgefallen. Es geht ein leichter Wind.
Sie hebt ihn auf, prüft das Wäschegut auf erlittene Verschmutzung und richtet alles so ein, wie es war. Alles das tut sie sehr schnell und als ich auf dem Balkon eintreffe, um zu helfen, ist alles schon geschehen. Dennoch frage ich, ob ich helfen kann, sie verneint, ich kehre an den Esstisch zurück. Eine Minute später sitzt auch sie wieder am Tisch und wir setzen unsere Mahlzeit fort. 
Ab jetzt sorge ich mich um die Wäsche. Sie nicht. Ich sorge mich deswegen, weil sie die Wäsche auf dem Ständer nicht anders verteilt hat, als vorher. Was sie meines Erachtens hätte tun sollen. Und weil der Wäscheständer, infolgedessen, bei dem geringsten Windhauch ein zweitesmal umfallen wird.
Alleine ich erkenne die zugrundeliegende Problematik. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Verkehrsfliegerei fühle ich mich befugt, ihr die fatale Bedeutung von Gleichgewicht und Schwerpunkt zu erklären.
Wie beim Flugzeug also auch beim Wäscheständer.
Alles hängt mit allem zusammen. Zumindest das Gewicht mit dem Hebelarm. Das Essen bietet gute Gelegenheit für ausführliche Gespräche.
Ich finde, daß ich es ihr gut erklärt habe. Ich finde, daß sie dankbar sein müßte.
Meine Frau sagt nichts. Dann sagt sie: „Aha“.
Das war alles, was sie zu den Ausführungen eines ausgewiesenen Fachmannes für Gleichgewichts- und Schwerpunktfragen zu sagen hatte.
Um in die Praxis zurückzukehren sage ich: „Du mußt die Wäsche auf dem Ständer anders verteilen. Er wird wieder umfallen.“
Meine Frau sagt: „Wird er nicht“. „Wird er doch.“ „Wird er nicht.“
Der Wäscheständer blieb stehen. Für Stunden. Meine Frau behielt recht.
Ich sage: “Ein Glücksfall!“ Meine Frau sagt nichts.
Sie hat einfach nicht das tiefgründige Wissen, um zu erkennen, daß ich trotzdem - gewissermaßen - physikalisch gesehen - recht hatte. Und daß er theoretisch auf jeden Fall auch ein zweites mal hätte umfallen müssen.
Während meine Frau das Abendessen richtet, hole ich die Wäsche vom Balkon. Dabei sehe ich, daß meine Frau den Ständer, nachdem er einmal umgefallen war, kurzerhand mit einem Socken am Balkongeländer festgebunden hatte.
Gegenüber solchen Methoden ist auch die edelste Theorie zum Scheitern verurteilt.
Meine Frau ist eher praktisch veranlagt.



Copyright © 2004 Manfred Ebeling - E-Mail: Manfred-Ebeling@web.de

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