Wechselbäder
von Manfred Ebeling


1.
Passiv
   

Wir lassen uns
lieber lieben
als daß wir selbst
auf diesem Gebiet
tätig werden



2.
Kaffee am Morgen


Ein Mann geht, so, zum Zeitvertreib
bisweilen nachts zu einem Weib -
da sie schon aus, sehr früh am Morgen
muß er sich später selbst versorgen

Hier kommt er aus dem Bett gekrochen
und will sich einen Kaffee kochen
und denkt, dies redliche Begehren
das kann nun niemand ihm verwehren

So geht er hin zum Wasserhahn,
der strahlt ihn sauber glänzend an -
bedeutet Wasser auch sehr viel,
ist er doch lang noch nicht am Ziel

Wie ich - sagt er - die Sache seh,
brauch ich als nächstes den Kaffee
denn auch beim Kaffeekochen heißts:
                                            "man nehme"
doch hier beginnen die Probleme

Denn meistens gibt es - man bedenke -
in jeder Küche viele Schränke
darin, allein nach ihrem Schein,
der Kaffee könnt verborgen sein

Prompt will ein ganzes Dutzend Türen
partout ihn nicht zum Kaffee führen
sehr wohl zu zwanzig Kaffeedosen
- jedoch nur zu den kaffeelosen

Die sind gefüllt mit Tee, Muscat
mit Kümmel, Korn und Granulat
doch nichts hat er darin erspäht
womit das Kaffekochen geht

Da! - nun erhellt sich seine Miene
gleich neben der Kaffeemaschine
steht eine riesengroße Dose
und diesmal keine kaffeelose

Ach, wie erheitert sein Gemüte -
jetzt fehlt nur noch die Filtertüte
und schon nach weitern ein, zwei Stunden
da war auch diese schnell gefunden

Es tropft das Wasser artgemäß
nach unten - und als Kaffee ins Gefäß
so steht er kurz vor der Vollendung
da kommt noch eine kleine Wendung

Indessen bleibt er kühl, gelassen -
wo hat sie bloß die Kaffeetassen ?
Und, wer die Tassen aufgespürt
hat lang noch nichts, womit er rührt

Kurzum, nach weitern zwei, drei Stunden
warn Löffel, Zucker, Milch gefunden
schon konnt er auf das Sofa sinken
und friedlich seinen Kaffee trinken

Der Mensch denkt manchmal, er hät's eilig
nichts, was ihn aufhält, ist ihm heilig
doch, wie man sieht an diesen Zeilen
irrt er sich da – manchmal, bisweilen !

P.S.:
( Dann ist die Sache, nebenbei,
ein Zeichen der Vielweiberei:
wer nur in  eine  Küche geht,
der weiß auch, wo der Kaffee steht )



3.
Der frühe Vogel
     fängt den Wurm....


Das Sprichwort spricht
                      vom frühen Morgen
und nennt, sich selber zu erklären,
                              der Tiere zweierlei !
Doch mag das kluge Wort
dem, der früh aufsteht nicht gewähren
daß er darin der Vogel sei

Der Wurm indes,
mag vor der Sonne Licht
sich mehr als vor dem Mond verstecken -
der such´ am Morgen Schutz
                             und rühr sich nicht !
Wenn es nicht anders geht
so notfalls unter warmen Decken



4.
Unruhe


Wie sucht sosehr - und flieht
zur selben Zeit
das Herz doch jeder Endstation
will immer mehr
will alles was es sieht
und fürchtet die Beständigkeit
nach der es sehnlich sucht
                           so lange schon



5.
Vorbereitung


Zu Zeiten meines Lebens schon
will ich
        von vielem
                      mich entfernen
möcht den Verzicht beizeiten lernen
und nicht mehr streiten
                     um gerechten Lohn
 
Möcht gern des Lebens Meister sein
- genug zum Meister hab ich wohl erlebt -
und so
die letzte Zeit erfahren

eh, in den fortgeschrittnen Jahren
das Leben sich
zum Meister über mich erhebt



6.
Schein


Nichts ist im Leben
was es ist
doch alles nur, wofür man´s hält !
Es kommt alleine darauf an,
sich selbst - und was man sonst nocht hat
für möglichst wertvoll
                             auszugeben
nur so
gelingt der große Griff -
                             ans große Geld



7.
Vernunft


Na,
's mal wieder Eine gegangen
die mit uns gegangen ist
ein Jahr oder zwei
und die Vernunft
hats schon erklärt:
jaja
's am besten so

Und nun ?
Vernunft ? Wo finde
ich dich denn ?
Hast dich verflüchtigt
und ich bin ohne dich
das geht
und ohne sie
das geht nicht

aufeinmal
und geh
und such sie
weil ich mich auf dich
nicht verlassen kann

Und grüße dich, Vernunft
du warst halt
im entscheidenden Moment
nicht hier -

Aber schau ruhig
mal wieder herein



8.
Leere


Gegenwärtig
steht meine Wohnung wohl leer
und 's ist Ruhe dort

Und sie
ist gegangen
Ruhe zu suchen
woanders
und meidet meine Wohnung

Und ich
bin gegangen
Ruhe zu suchen
woanders
weil sie
meine Wohnung meidet
und ich
meine Wohnung nicht will
ohne sie

Gegenwärtig
steht meine Wohnung wohl leer
und 's ist Ruhe dort



9.
Wechselhaft


Derselbe Mensch erscheint bisweilen
verschieden in verschiednen Teilen
er ist bedächtig, redet klug
und zeigt gar manchen feinen Zug

Und ist, egal worum sich´s handelt
am nächsten Tage wie verwandelt
er redet dumm, er spinnt herum
und wir, wir fragen uns „warum?“

Doch sind wir letztlich wieder froh
denn, Gott sei Dank -
                              wir sind nicht so !



10.
Prinzeßchens Wechseljahre


Längst liebe ich den schönen Schein,
längst hör ich gern
                           mir sein Versprechen an
und längst ergründ ich nicht
                                sein echtes Sein
und ignorier, daß er sein Wort,
am nächsten Morgen schon,
                 nicht mal im Ansatz halten kann

Ich liebe ihn allein für das
was ich mir aus ihm mache,
und wer und was er wirklich ist,
darinnen seh ich nichts
als seine ganz private Sache

Für mich zählt nichts als das,
was er mich von sich glauben macht,
und lügt er gut,
so reicht es doch zumeist
für eine schöne,
weil bis zum frühen Morgen
                         ungeschlafne Nacht

Nichts
soll er mir von seinem Leid erzählen,
will nur von Glück, Erfolg, Gesundheit
                                          reden hören !
Womöglich ist er eine von den
                                 allerärmsten Seelen,
wie würde doch das helle Licht
die Welt, die er im Dunkeln mir erbaut
so hemmungs- und so gnadenlos
                                                    zerstören

Die Träume dieser Nacht
                    in tausend Scherben schlagen
ist das Geschäft der Sonne
die Tag für Tag das Leben
und die Wahrheit
                             neu verkündet !
Deshalb verberg ich mich
                                            an allen Tagen
und hab alleine mit den Nächten
- und ihren grenzenlosen Illusionen -
mich, für den Rest der Zeit,
die mir noch bleibt, verbündet



11.
Vorsätze


Leicht ist das Wort,
und auch der Plan
mag leidlich noch gelingen !
Allein die Tat -
für den, der muß -
wie schwer ist sie doch zu vollbringen !



12.
Verwaltung


Es sitzt ein Mensch in der Verwaltung
hat Licht, hat Luft, hat Pausenzeiten
genießt dort artgerechte Haltung
und kann in Frieden und in Ruh´
                  sich auf den Feierabend
                                               vorbereiten




13.
Vateraugen


Verzeih mein Kind, ich seh es heute
- ich lehrte Dich nach bestem Wissen
nun bist Du leicht der Jäger Beute
ich hätt es besser wissen müssen

Ich lehrte Dich, stets das zu sagen
was Du gesehn und weißt und denkst
- und seh, wie Deines Lebens Wagen
Du damit in den Abgrund lenkst

Ich sehe Deinen guten Glauben
und doch Dich jeden Tag verlieren
ich sehe Menschen Dich berauben
und wie sie Fallen konstruieren

Ich gab Dir, wie ich´s konnte, das
was Väter schulden ihren Kindern
und kann, was um Dich rum geschieht
mit meinen Mitteln nicht verhindern

Wie unklug wars, in langen Zeiten
Dich eisern die Gebote lehren !
Du brauchtest andre Fähigkeiten
um Dich, wo´s nötig ist, zu wehren

Da sitzt Du fest auf Deinem Wissen
hast die Lektionen brav gelernt
ein Boot mit hunderttausend Rissen
vom Ufer mehr als weit entfernt

Es gab auch früher Jäger, Beute
doch gabs der Menschen viel dazwischen
und das hat sich geändert heute:
es läßt das Volk sich nicht mehr mischen

Es gibt Besiegte nur und Sieger
und die dazwischen sterben aus
das brave Lamm gehört dem Tiger
der Käfer frißt die kleine Laus

Drum werd zum Jäger, nicht zum Hasen !
Besorge Dir Gewehr und Hund,
laß sie in Panik vor Dir rasen
und treibs mit ihnen, kunterbunt !

Und wenn Du siehst die Welt in Fetzen
dann lern zu sagen: sie ist gut,
Dich damit eisern durchzusetzen,
bevor es je ein andrer tut !

Und greif dem Volk in seine Taschen
bevor es, was Du tust, begreift
greif zu, mein Sohn, ersinne Maschen
daß Klugheit nie in ihnen reift !

Ich hab die falsche Saat gesät,
den Fehlwuchs mußt Du jetzt entfernen !
vielleicht ist es noch nicht zu spät,
das, was Du wirklich brauchst, zu lernen

Komm, scheiß auf Deiner Kindheit Lehren,
was ich Dich lehrte, war verkehrt !
Lern mehr, als nur dich zu erwehren
lern, wie man andre kriechen lehrt !

Vor allem lerne zu betrügen,
das muß Dein Meister-Werkzeug sein !
Lern, ohne rot zu werden lügen,
dann geht der Rest fast von allein

Bau Waffen Dir aus Lügen, Finten
und dann, wenn Du sie hast belogen,
greif sie gleich an, doch nur von hinten
und sag, sie hätten Dich betrogen

Nur so führt Dich Dein Weg nach oben
nur so gewinnst Du einst den Thron
- sie werden ehren Dich und loben !
Und ich bin stolz auf Dich, mein Sohn !

( Doch -
es wär es kein gerechter Stolz !
Nur eines eitlen Vaters Träume !
Uns schuf man aus demselben Holz
- es war das Holz der kleinen Bäume )



14.
Erkenntnis


Was Sie nicht sagen !
Der Kampf also
gegen die Einsamkeit
sei der Kampf
gegen die Freundschaften
gegen die Lieben ?

Sie meinen
erst durch Freundschaft und Liebe
ermessen wir
unsere Einsamkeit ?

Was Sie nicht sagen !



15.
Beste Freundin


Die Einsamkeit
wirds uns schon nicht übelnehmen
daß wir des öfteren
mit Worten und auch so
gegen sie antreten

Dazu liebt sie uns vielzusehr
ist sich
unserer ergebensten Treue
nur allzu sicher
und wir gehören
ganz ihr
sie wird nicht von uns lassen
und wir nicht von ihr



16.
Ewige Liebe


Sie ist die größte aller Lieben,
die Liebe ohne alle Grenzen !
Hat jedes Herz vorangetrieben,
und spottet aller Differenzen

Sie herrscht in uns, mehr als ein Leben
- von Ewigkeit zu Ewigkeit !
Läßt über Wirklichkeiten schweben
und wird nie müde mit der Zeit

Sie ist, von allen Lieben unsres Lebens,
die schönste, die uns je umhüllte !
Nun sag schon: welche Liebe ist so groß ?
Mein Kind –
                              allein die unerfüllte !



17.
Säule


Fällt
neben der Säule
eine Träne in den Sand

Blieb aber unbemerkt
weil niemand bei ihr stand

Und wären Leute
dagewesen
so hätten sie's für Regen angesehn

Konnt ja niemand ahnen
daß sowas
von der Säule kommt



18.
Depression


Wozu brauch ich das Tageslicht
ich will doch gar nicht leben
Der Herrgott hört mich wieder nicht
will Frieden mir nicht geben.           

Ich hatte mir einst vorgestellt,
im Leben wollt ich siegen !
Der Sieg, der ging an mir vorbei
und ließ mich einfach liegen

Bin lange noch ihm nachgerannt,
ich wollt ihn doch erreichen !
Jedoch, ich war nicht schnell genug
zähl' nun zu seinen Leichen

Das Tageslicht, das weiß es nicht,
heut werde ich es scheu'n
- indessen, morgen schon, vielleicht,
wird es mich wieder freu´n



19.
Applaus


Und er gibt Applaus
ist da nicht kleinlich
das war wirklich gut
und klatscht und denkt
wies sein muß
applaudiert zu bekommen

Wofür ?
Zum Beispiel weil er
in seinem Beruf
auch erbringt,
was man von ihm erwartet
sogar ein bißchen mehr
aber wer
applaudiert schon
einem Beamten am Schalter ?

Höchstens müßt man die Leut
drum bitten
ein Schild aufhängen
"Applaus für den Beamten !"
oder so
denkt er sich das
und denkt
daß er bis auf Weitres
ohne Applaus
wird leben müssen

Und denkt,
daß er bis auf Weitres
erbringen wird
was man von ihm erwartet
vielleicht
ein bißchen weniger



20.
Die Andern


Immer sind es nur die Andern,
die gewinnen und die erben
aber - Gott sei Dank -
es sind auch sie,
die alle naslang
so völlig unerwartet sterben



21.
Naturgesetzgeber


Hörn Sie mal
Herr oder Frau Natur
oder wer sonst
sich hinter Ihnen verbirgt:

wir würden gern
mit Ihrer Regierung
über eine Gesetzesänderung
beraten

Vielleicht teiln Sie's Ihrer Regierung mit
dem Naturgesetzgeber vor allem:
wir hätten da
diverse Vorschläge

Und sagen Sie ihm
es stünde
die irdische Mehrheit dahinter

Und sagen Sie ihm
bei uns
sollen die Vorschläge
der Mehrheit beachtet werden

Und sagen Sie ihm
wir nennen's Demokratie
das sei so üblich
und es wär'
nicht das Schlechteste bei uns

Und sagen Sie ihm
wir lieben die Demokratie
und würden gern
welche von uns
mit naturgesetzgeberischer
Funktion ausstatten

Und sagen Sie ihm
alle Gesetze
hätten sich
zwischenzeitlich geändert
er solle das
berücksichtigen

Ach ja
und fragen Sie ihn
bei der Gelegenheit
nach seinem Namen


Alle Gedichte © 2004 Manfred Ebeling - E-Mail: Manfred-Ebeling@web.de

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